Kinästhetik, Taktilität, Haptik – die goldenen Tore

Taktilität, Kinästhetik, Haptik, Hilkea Knies
Was fällt euch bei der Schrift auf?

Kinästetik, Taktilität und Haptik – ein interessantes Dreigestirn

Kinästhetik, Taktilität, Haptik – was für Wortungetüme. Bei jedem der drei brauche ich jedes Mal lange bis ich es getippt habe, obwohl ich echt schnell mit 10 Fingern schreiben kann. Die Finger verhaspeln sich, sie müssen echt überlegen, sie stolpern ungeschickt auf den Tasten herum.

Wer schon mehr goldene Tore von mir gelesen hat weiß, dass ich jedes Thema vorher clustere. Das ist für mich eine gute Möglichkeit, mich zu verbinden und meinen Assoziationen freien Lauf zu lassen.

Was mir beim clustern des Begriffs passiert ist, konnte ich heute morgen, als ich das Bild für das Goldene Tor erstellte noch einmal bildlich, assoziativ vor mir sehen:

Taktilität, Kinästhetik, Haptik, Hilkea Knies
Was fällt euch bei der Schrift auf?

Was ist Kinästhetik für mich?

Und als ich heute morgen das Beitragsbild mit dem Goldenen Tor gestaltete, fiel mir etwas direkt ins Auge: in dieser Schrift, die ich eigentlich sehr mag sind so viele Buchstaben “t”, dass sie für mich wie Kreuze auf Friedhöfen aussehen. Diese Worte sind also mächtig tot für mich.

Keine Inspiration bei Kinästhetik

Cluster Kinästhetik Hilkea Knies

Das Wort Kinästhetik wirkte nicht sonderlich inspirierend. Und ich bin dann darauf gekommen, dass die Worte für mich mit sinnlichen Erlebnissen gefüllt sein müssen, um gefühlt oder erfühlt werden zu können. Das ist die einzige Art, um etwas assoziieren zu können.

Das ist übrigens ein ganz wichtiges Prinzip, wenn es ums Lernen geht. Dass man an etwas anknüpfen kann, dass etwas Bekanntes schon dort ist, wo man sein Netz weiter weben möchte.

Ich und meine Phantasie, wir beide können mit diesem Wort nichts anfangen. Immer wieder habe ich Definitionen des Worte Kinästhetik gelesen und sie sind alle anscheinend wieder in Vergessenheit geraten.

Wikipedia sagt mir: Kinästhetik ist die Lehre von der Bewegungsempfindung – Wahrnehmung der eigenen Bewegung als zentraler Weg zur ganzheitlichen Gesundheitsförderung.

Das klingt doch schon viel besser. Ein Wort wie “Bewegungsempfindung” löst wieder etwas in mir aus. Ich habe sofort Assoziationen und kann es auch in meinem Körper direkt erleben, wenn ich in Situationen bin, wo ich in mich hinein spüre. Sei es in der Körperpsychotherapie oder eben auch im Singen.

Und ganzheitlich ist auch etwas, was ich immer wieder in der Rabine-Methode erlebe. Singen ist gesund, singen macht glücklich und Singen lässt mich mich selbst ganz anders wahrnehmen. Singen ist ein kreativer Selbstausdruck und etwas sehr Körperliches…

Auf einmal finden sich genug Anknüpfungspunkte an die Worte innerhalb der Beschreibung. Ich glaube, nun werde ich den Begriff nicht mehr vergessen.

Dann vielleicht eher Haptik?

Was sofort auftauchte und wo es auf einmal sprudelte und auch meine Farben wieder zum Einsatz kommen wollten, war der Ausdruck “Fühlen mit den Händen”. So viele Dinge tauchten auf. Es wurde wieder lebendig in mir. Wie schön.

Cluster Kinästhetik Taktilität Haptik Hilkea Knies

Und wieder machte ich mich im Internet schlau. Bei Wikipedia wurde ich erneut fündig als es um die Haptik ging. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet “fühlbar”, “zum Berühren geeignet”. Was für schöne deutsche Worte. Es bedeutet auch, sich etwas durch das aktive, tastende “Begreifen” erlebbar zu machen.

Taktilität

Und dort bei Wikipedia fand ich auch den dritten Begriff im Bunde, der in dies Spektrum gehört und das ist die Taktilität. Auch ein Wort, was sich hartnäckig sträubte, von mir geclustert zu werden. Selbst der Wortbestandteil “Takt”, der mir aus der Musik sehr vertraut ist, machte es nicht besser. Keine Chance für ein Taktilitäts-Cluster.

Doch auch hier kann ich mich wieder über die Bedeutung langsam heran tasten. Das Wort taktil kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „den Tastsinn betreffend“ bzw. „mithilfe des Tastsinns“.

Zusätzlich habe ich eine spannende Geschichte bei Wikipedia gefunden. Sie erklärt, warum das Pusten bei Kindern, wenn sie sich verletzt haben, etwas bewirkt. Es ist nicht der Placebo Effekt, sondern es kann sehr genau neurologisch erklärt werden: Der Reiz der kühlen Luft auf der Haut verändert die Schmerzwahrnehmung im Gehirn.

Ich war sehr berührt davon, was dort alles zu lesen ist. Über die weiteren Tastorgane und vor allem, was innerhalb des Embryos und später im Kleinkind passiert. Leider führt uns das etwas vom Weg ab, aber lies doch gern hier selbst weiter. Was interessiert dich daran? Gibt es etwas, was dich berührt?

Wenn wir bei den Beispielen mit den Kindern bleiben, können wir den Unterschied zwischen Haptik und Taktilität folgendermaßen beschreiben: Wenn wir unser Kind zärtlich küssen oder streicheln sind wir in der passiven Wahrnehmung und das Kind erlebt uns taktil. Wenn es aber aktiv wird und Gegenstände in die Hand nimmt und sie sich ertastet, dann sind wir im Bereich der Haptik, der aktiven Tastwahrnehmung.

Haptik, Taktilität, Kinästhetik Hilkea Knies

Wie geht es mir mit Fremdworten?

Einmal mehr merke ich, dass mir deutsche Worte viel mehr Assoziationen an Erlebtes geben als die Fremdworte, die wir dafür gefunden haben und nutzen. Fremdworte bringen mich immer in eine gewissen Distanz. Fremdworte bleiben im Kopf stecken und docken nicht an mein Gefühl an, keine Phantasie kann sich zeigen.

Und gerade überlege ich, welche Fremdworte mir nicht mehr so fremd sind, dass auch sie Gefühls- und Erlebnismomente in mir wach rufen.

Und soll ich ehrlich sein? Mir fallen einfach keine ein. 😅

Spürsinn

Beim Nachdenken über den Begriff der Kinästhetik, um den sich das Goldenen Tor ja drehen sollte, kam mir als erstes das deutsche Wort Spürsinn. Während ich schrieb, dachte ich kurz, ob man Kinästhetik wohl mit Spürsinn übersetzen könnte? Und nachdem ich mir die Bedeutungen mehr erschlossen hatte, war ich beeindruckt, wie alle drei Begriffe in ihrer Art der Wahrnehmung etwas mit Spürsinn zu tun haben, aber sich klar unterscheiden lassen. Das wiederum machte mich sehr neugierig auf die Neurologie, die dahinter steht und ich war auf einmal mittendrin im Thema, obwohl die Worte selbst für mich immer noch nicht sinnlich erfahrbar und damit nicht spürbar waren.

Spürsinn im Singen

Deshalb gehe ich mal mit dem Wort “Spürsinn” weiter. Der innere Spürsinn beim Singen ist ein wichtiger Faktor. Gerade wenn wir es mit dem sensomotorischen Wahrnehmungstraining erlernen. Denn wir arbeiten über alle Sinne. Doch wie können wir uns von innen wahrnehmen beim Singen? Was genau berührt uns, so dass wir es wahrnehmen können? Ist es der Luftstrom? Sind es die Klangwellen, die uns zum vibrieren bringen? Sind es die Gefühle, die auf einmal aufkommen, die aber auch durch etwas angeregt werden? Denn unsere Finger, unsere Hände sind es in den wenigsten Fällen. Wir berühren unser Instrument nicht, wie es alle anderen Musiker:innen tun. Wir haben buchstäblich nichts in der Hand. Weder im konkreten Sinn, noch manchmal im übertragenen Sinn.

Haptik und Taktilität im Tanzen

Ganz anders ist es, wenn ich mir den Paartanz anschaue. Das ist seit ein paar Jahren ein wirklich wichtiges Hobby von mir. Dort spüren wir sehr viel mit unseren eigenen Händen. Wir erspüren den Körper des Partners, wir können seine Spannungen, seine Bewegungen wahrnehmen. Wir nehmen auf tieferer Ebene wahr, ob wir uns verbinden oder nicht. All das geht über die Hände.

Und wir spüren seine Hände, an unseren Händen vielleicht, an unserem Schulterblatt, manchmal im Salsa oder Bachata auch an unserem Hals. Manchmal ist die Haut bekleidet, manchmal unbekleidet. Das macht einen großen Unterschied. Wir können spüren, auch wenn wir es nicht immer bewusst wahrnehmen, ob uns der Tanzpartner mit seinen Händen “sieht”. Wenn wir uns nicht gesehen fühlen, ist die Verbindung schwerer und es wird Auswirkungen auf die gemeinsame Bewegung haben, so jedenfalls meine eigene Erfahrung.

Wir berühren und wir werden berührt.

Unsere Hände

Manchmal können wir auch fast eine Art Elektrizität wahrnehmen mit unseren Händen, wir spüren Wärme, wir fühlen Kälte. Auch das sind Begriffe, die auf der einen Seite sehr objektiv als messbare physikalische Größen daher kommen. Aber wir haben sie auch auf der anderen Seite in unserem Sprachgebrauch für Gefühle. Ist jemand warmherzig oder kaltherzig? Und es ließen sich noch viele weitere Allegorien finden.

Wenn wir berühren, egal ob jemand anderen oder uns, so gibt es immer zwei Seiten zu spüren. Ich spüre, wie ich mich oder den Partner berühre, also mehr das Außen. Und ich spüre gleichzeitig, wie meine Hände davon berührt sind, dass ich berühre.

Selbstberührung im Gesang

Was also fühlen meine Hände, wenn sie meine eigene Haut berühren? Diese Art von Selbstberührung können wir auch durchaus in den Gesangsunterricht einbringen. Je nachdem, an welcher Stelle ich berühre, werde ich eine deutliche Wirkung auf das Autonome Nervensystem haben. Streiche ich über meine Wangen, dann berühre ich damit im Bereich des Hirnnerven Trigeminus, der mit dem Vagus Komplex verbunden ist. Und fast alle Menschen, mit denen ich bisher damit gearbeitet habe, werden ruhiger, die Stimmen werden wärmer. Nicht umsonst streichen wir jemandem, den wir trösten möchten über die Wange. Es scheint etwas in uns zur Ruhe kommen zu dürfen. Und auf einmal gibt es beispielsweise vom Kiefer eine Erlaubnis zur Öffnung. Er kann seinen Schutzmechanismus mehr aufgeben, die Bewegungen dürfen weicher werden.

Haptik und Taktilität in der Körperpsychotherapie

Eine kleine Geschichte: meine Ausbilderin in der Körperarbeit, Silke Ziehl hatte wunderschöne Hände. Ich habe sie unglaublich gern angeschaut. Und ich habe mir immer solche Hände gewünscht. Sie sahen einfach danach aus, als ob sie sehen könnten. Sie verströmten in mir ein Gefühl von Kraft und unglaublichem Spürsinn. Und das nicht nur, weil sie öfter mit mir mit ihren Händen gearbeitet hat, sondern allein durchs Ansehen. Diese Mischung habe ich immer noch vor Augen, obwohl die Ausbildung in Posturaler Integration nun mehr als 20 Jahre zurück liegt. Und immer wenn ich an meinen Händen auf einmal diese “Silke-haftigkeit” entdecke, bin ich glücklich, denn ich weiß, dass ich dann auf eine weiche, spülsinnige und kraftvolle Art mit meinen Händen unterwegs bin, ob ich etwas berühre oder nicht.

Betty Martin und das Wheel of consent

Eine weitere wunderbare Frau, die diese so unterschiedliche Art zu arbeiten entwickelt hat, ist Betty Martin mit ihrem Wheel of consent. Das können wir auf Kommunikation übertragen, aber eben auch auf körperliche Berührung. In beiden Fälle ist es sehr, sehr hilfreich.

Wenn wir also die Assoziationskette “Sensomotorisches Wahrnehmungstraining – unsere Sinne – Kinästhetik” haben ist es immer wieder gut, sich damit zu beschäftigen, was wir konkret damit meinen bzw. was wir dort für ganz persönliche Erlebnisse haben.

Ich glaube, ich werden die Begriffe noch einmal alle clustern. Dies mal in ihrer Übersetzung ins Deutsche. Werde mich noch einmal inspirieren lassen für das Kapitel, was dann in meinem Buch erscheinen wird. Ich bin sehr neugierig, wie die Cluster jetzt aussehen werden.

Deshalb gehe ich jetzt durch das Goldene Tor und verabschiede mich für heute. Bist du auch neugierig geworden? Dann folge mir doch gern durch das Tor …

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