Hilkea, die Sehnsucht und die Liebesromane

Liebesromane

Also um es gleich vorweg zu nehmen: ICH LIEBE LIEBESROMANE

Gut, dass das jetzt schon mal raus ist. Denn dann wisst ihr gleich Bescheid, ob ihr weiter lesen wollt oder nicht.

Liebesromane killen die Beziehung

Liebesromane

Ich lese Liebesromane seit meiner Jugend. Und immer wieder sollte, wollte ich es mir abgewöhnen. Mein erster langjähriger Freund sagte, es sei so etwas wie eine Sucht und gegen all die gutaussehenden und reichen Helden aus den Groschenheften hätte er keine Chance. Irgendwie hatte er recht. Also trug ich alle meine Hefte – bis auf die 5 Lieblingsgeschichten – in einen Laden für gebrauchte Schundromane, wie man damals auch sagte und die liebe Seele hatte Ruh.

Hatte die Seele wirklich Ruh? Nein, hatte sie leider nicht.

Eve Dallas und Roarke

Also eigentlich wollte ich hier über die Krimi-Serie schreiben, die ich jetzt, sehr viele Jahre später immer wieder lese. Es sind die Krimis mit Eve Dallas und ihrem Mann Roarke. Der ist natürlich unverschämt reich, sieht super aus und ist sehr geheimnisvoll. Ach ja und nicht ganz unwichtig: Er kann immer und liebt Eve natürlich ständig, ist ständig heiß auf sie, findet sie großartig in all ihren Facetten.

Naja, okay. Sie sind mittlerweile, wenn es hochkommt, vier Jahre verheiratet, da mag das angehen.

Und was ist mit ihr? Also sie ist natürlich schlank, reich braucht sie nicht zu sein. Aber dafür ist sie mega tough und ist dazu noch mega traumatisiert. Aber all das macht nichts, denn in der Ehe wird sie nun zur Frau. Ja, endlich darf sie weiblich sein, darf sich fallen lassen, findet jemanden, der sie nimmt, wie sie ist. Und der ihr das Wasser reichen kann, hm, vielleicht sogar überlegen ist? Man weiß es nicht so ganz genau.

Das mal in aller Kürze über die beiden Hauptcharaktere. In der Operette würde man sagen: Das ist das ernste Paar. Und natürlich gibt es auch noch das Buffo-Paar. Das sind ihre Assistentin und einer der elektronischen Ermittler. Beide süß, aber nicht halb so erotisch dargestellt, wie das ernste Paar.

Hilkea und die Liebesromane

Ich entdeckte Nora Roberts oder D.J. Robb, wie sie sich als Krimiautorin nennt, vor ich weiß nicht wie vielen Jahren. Und ich wurde wieder süchtig.

Ich konnte stundenlang im Bett liegen und die Liebesgeschichten lesen. Immer und immer wieder. Auch hier hatte ich irgendwann Lieblingsbücher, die ich fast auswendig kannte und gleich zu den entscheidenden Stellen blätterte. Diese Stellen wiesen drei Merkmale auf: Sie waren hochromantisch, sie waren großartige Versöhnungsszenen (meist durch Sex) oder sie waren Schilderungen von knisternden, großartigen sexuellen Erfahrungen im Bett oder wo auch immer.

Das vorläufige Ende der Liebesromane

Als sich mein Mann und ich vor ca. 5 Jahren trennten, wanderten auch sie aus dem Haus. Alle Bücher von ihr, ausnahmslos. Ach nein, eine Ausnahme gab es. Eve Dallas und Roarke durften bleiben.

Aber ich konnte die Liebesromane nicht mehr lesen. Meine Seele tat mir nur noch weh, denn ich fühlte mich gescheitert in meiner Ehe. Weder war ich so begehrenswert wie die Frauen im Buch, denn sonst hätte er doch wohl nicht gehen wollen, noch war er ein so großer, reiner Held, dass ich ihn dauerhaft hätte anbeten können. Nein, wir waren zwei ganz normale Menschen, die Schwierigkeiten mit den üblichen Themen hatten, die man nach 20 Jahren Ehe so mit sich herum trägt.

Und ich fragte mich: Was hatte ich alles nicht gesagt, was ich hätte sagen sollen? Warum eigentlich wollte ich ständig Liebesromane lesen? Die Antwort könnte länger dauern und führt uns auf eine andere Spur.

Meine Faszination von Eve

Ich kehre lieber nochmal zurück zu Eve Dallas. Denn bei ihr begannen meine Gedanken, als ich darüber nachdachte, einen Blog Artikel über Liebesromane zu schreiben.

Was fasziniert mich an dieser Figur? Warum lese ich sie immer und immer wieder?

Sie spiegel mir etwas von meiner Persönlichkeit, sie weckt Sehnsüchte in mir. Sie macht mich glauben, dass es möglich ist.

Als Mädchen wollte ich immer Indianer sein, nein, nicht die Squaw, die war mir zu langweilig. Und dann wurde ich älter und “zur Frau”. Aber so richtig als Frau fühlte ich mich gar nicht. Und das hielt fast mein ganzes Leben lang an. All meine Power schien nicht wirklich zu passen. Irgendwie war ich “unweiblich”. Ständig hatte ich das Gefühl, ich müsse mich entscheiden. Entweder weich und weiblich oder powerful, aber dafür leider nicht weiblich genug.

Und mitten in diesen Konflikt taucht diese Eve auf. Und sie darf beides. Mit ihren beiden Seiten erobert sie den absoluten Hauptgewinn. Sie darf streiten, sie darf verschlossen sein, sie darf tough sein, sie darf sich selbst bis zum Umfallen verausgaben. Alles egal. Denn der Mann sieht sie, wie sie wirklich ist. Und siehe da, auf einmal kann sie ihre weichen Seiten zeigen, fühlt sich weiblich, darf schwach sein. Und sie darf abhängig sein. Wenn sie fühlt, dass sie gerade nicht zueinander finden, ist sie durcheinander. Sie kann sich nicht konzentrieren, sie hat Selbstzweifel.

Das kenne ich gut. Nur viel banaler. Wenn der Mann nicht adäquat auf meine Whatsapp reagiert, nicht die richtigen Emojis schickt, nicht in einer angemessenen Zeit – ja, wer misst hier eigentlich die angemessene Zeit? – also für mich nicht rechtzeitig antwortet, dann kann meine ganze schöne Welt schon mal zitterig werden. Das scheint also bei starken Frauen durchaus normal zu sein? Das darf sein? Ich muss das nicht weg therapieren? Irgendwie erleichternd.

Aber natürlich hätte ich es auch gern, dass jemand hinter meine harte Schale schaut, dass jemand – was heißt jemand, natürlich (m)ein Mann, mich mit allem liebt. Und deshalb genau das Richtige tut. Dann könnte ich die Selbstzweifel endlich ad acta legen.

Eine kurze Fußnote zum Sex

Doch kommen wir nun zu einem echt wichtigen Thema: die Sexualität. Eine wirklich knifflige Angelegenheit. Ich gestehe feierlich: Ich habe einen Mann gesucht, der weiß, was mir erotisch sexuell gefällt. Und zwar ohne dass ich viele Worte machen musste. Denn viele Worte hatte ich nicht, ich hatte keine Ahnung, was mir gefiel. Und ich wollte auch nicht viele Worte machen, denn das fand ich komplett unromantisch. Und irgendwie gehörte doch zur Liebe, dass der “Richtige” schon weiß, wie mann es macht. Oder etwa nicht?

Und dann wieder Eve Dallas. Dieses Bild, dass eine starke Frau in der Beziehung endlich zur femininen Frau wird und der harte Mann in der Beziehung endlich auch seine weichen Seiten zeigt. Etwas, was heutzutage immer noch viel Sehnsucht bei mir auslöst. Und mit Sex haben die beiden übrigens nicht die geringsten Probleme. Klappt immer 1A.

Darf ich all meine Seiten leben?

So weit, so Roman. Aber bei mir? So viele Fragen.

Darf ich denn in einer Beziehung all meine Seiten leben? Darf ich stark sein? Kann ich gleichzeitig weiblich sein? Was passiert, wenn ich Schwäche zeige? Werde ich dann auf einmal abhängig? Was passiert, wenn ich Stärke zeige? Kann ein Mann damit umgehen? Darf auch ich dir die Sterne vom Himmel holen oder ist das das Privileg des Mannes?

Ich habe meinen Konflikt nach vielen, vielen Jahren ein wenig beruhigen können. Und ich gestehe, ich bin so glücklich wie lange in meinem Leben nicht. Und das, obwohl ich gerade Single bin. Oder vielleicht, weil ich gerade Single bin.

Sexuelle Wünsche?

Denn meine erotischen, sinnlichen, sexuellen Fragen stelle ich mir gerade selber. Was gefällt mir eigentlich? Was mag ich? Ich habe in der Corona Zeit online Kurse mit Olivia Bryant besucht. Ich habe Sessions mit Hanna Krohn gemacht, um meine Weiblichkeit ganz allein für mich zu erforschen. Und es war und ist unglaublich spannend und ja, auch sehr lustvoll. Ich ganz allein mit mir.

Was zeigt sich im Tanzen?

Und ich erforsche mich im Tanz. Dort habe ich eine Spielwiese gefunden, wo das Weibliche, die Hingabe, die Weichheit, wie ich sie immer ersehnt habe, endlich ihren Platz haben darf. Denn das gehört zum Spiel dazu. Es gehört zum Paartanz. Das ist für mich die Idee hinter Lead and Follow. Und wenn ich aus dieser Energie komme, dann habe ich auf einmal eine andere Kraft. Wenn ich aus der Hingabe komme, dann bin ich mutig, dann kann ich fordern, ohne hart zu werden. Wie cool ist das denn? Ich fühle mich mit mir verbunden, all meine Seiten dürfen da sein.

Ich werde zur Dichterin. Die Angst verschwindet. Das Gefühl der Unzulänglichkeit ist nicht mehr vorhanden. Auf einmal fühle ich mich ganz. Abhängig und unabhängig zugleich. Stark und schwach zugleich. Ich folge und doch bin ich nicht willenlos.

Und was ist jetzt mit Beziehung?

Das ist es, was ich mir in einer Beziehung wünsche. Ist das zu viel verlangt? Ist das eine andere Form von Romantik? Eine, die auch zum Scheitern verurteilt ist?

Sollte ich es doch lieber mit Kurt Tucholsky halten:

und darum wird beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt.

Auf eine Art befriedigt das Lesen von modernen Liebesromanen meine großen Sehnsüchte. Dort ist es perfekt, dort darf alles sein, denn alles wird immer wieder gut.

Und noch ein Zitat, diesmal aus Brechts Dreigroschenoper:

doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Ja, verflixt nochmal, wie sind sie denn?

Ich habe keine Ahnung. Denn momentan bin ich mit mir. Ich verspreche euch, ich sag Bescheid, wenn ich wieder weitere Schritte durch die Schule der Beziehung gehe.

Vielleicht weiß ich dann mehr. Eins weiß ich jedenfalls jetzt schon: Langweilig wird es garantiert nicht. 😉

5 Kommentare

  1. Ein großartiger “innerer” Monolog durch deine Liebes-(Roman)-Welt, liebe Hilkea. Mutig, inspirierend und offen, damit musst, nein darfst, du dich auf keinen Fall verstecken!

    1. Danke Nicole, und heute endlich werde ich mich nicht mehr verstecken und ausgerechnet diesen Blog Artikel in meinen Newsletter aufnehmen, ich habe ein wenig Angst, aber mal schauen, was die Reaktionen sind.

  2. Einen fetten Dank für dein Outing! Du sprichst mir aus dem Herzen!

    Ich liebe Groschenromane ebenfalls, zumal die Dinger meiner Meinung nach auch total gesundheitsfördernd sind. Seitdem ich wieder damit angefangen habe, geht mein Stresslevel massiv runter. 🙂
    (Meine erste Begegnung mit diesen Büchern hatte ich übrigens auf dem Nachtisch meiner Oma, eine richtig toughe Frau. :-))

    Falls du weitere “moderne Frauenliteratur” suchst:
    Ich bin derzeit ein großer Fan von Saskia Louis: klasse Humor, als Protagonistinnen starke Frauen (eine ist sogar Feuerwehrfrau!) mit Hang zu Schokolade und Donuts samt entsprechender Figur (Orangenhaut findet leider trotzdem nicht statt), sexy Männer mit großen Macken (wie im wahren Leben). Dann findet man das eigene Exemplar sehr viel ausgeglichener und kommunikationsfreudiger – auch ohne den in den Büchern obligatorischen Sixpack.

    1. Danke liebe Bettina,
      ich liebe deine Oma, auch wenn ich sie nie kennengelernt habe.
      Und auch danke für die Empfehlungen, die werde ich mir mal anschauen. Es klingt danach als könnte es mir gefallen

  3. Liebe Hilkea, was für ein fulminanter Blogartikel.
    Da blinken viele Lichter bei mir auf.
    Er hat so viele schillernde Farben und atmet das echte, wahre Leben.

    Vielen, vielen Dank

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