Die goldenen Tore – Artikulation

Goldenes Tor Artikulation

Die Artikulation im Licht von Musik und Volksweisheiten betrachtet

Mein goldenes Tor zur Artikulation erschien mir, als mir bewusst wurde, wie viele Sprichworte und Volksweisheiten es über Kiefer, Lippen und Zunge gibt. Auch die Musik hat sich gerade von den Lippen immer wieder zu den verschiedensten Kompositionen inspirieren lassen.

Goldenes Tor Artikulation

Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da

Da muss man einfach die Zähne zusammen beißen und durch

Als sie mir das erzählte, musste ich mir echt auf die Zunge beißen, um nicht laut loszuprusten

Was haben diese drei Sätze gemeinsam?

Richtig, sie beziehen sich auf unsere Artikulation. Auch wieder so ein Wort, was alles und nichts sagt. Mal denken wir an klar artikuliertes Sprechen. Mal ganz grundsätzlich daran, ob sich jemand artikulieren kann, kurz ob er sich uns und anderen verständlich machen kann.

Herkunft des Wortes Artikulation

Das Wort kommt vom Lateinischen “articulare” und bedeutet “gliedern, deutlich sprechen”. Sie scheint also etwas mit der Sprache zu tun zu haben, diese Artikulation. Sogar innerhalb des Körpers, denn wenn wir von Gelenken sprechen, dann heißen sie “articulatio”. Im Körper wird also auch fleißig artikuliert.

Und dabei ist sie unglaublich vielschichtig.

Kiefer, Lippen, Zunge – unsere “Sprechwerkzeuge”

Wir können drei “Sprech-Werkzeuge” benennen: Kiefer, Lippen und die Zunge. Und alle drei sind wichtige Hilfsmittel, damit wir uns artikulieren können. Wenn wir vom Singen sprechen, dann ist es etwas Anderes als wenn wir über das Sprechen sprechen.

Schauen wir uns dies unglaubliche Triumvirat doch mal genauer an.

Artikulation Kiefer Lippen Zunge

Und ich sortiere es gleich in der Reihenfolge, in der ich im Gesangsunterricht damit arbeite. Denn wir haben ein wichtiges Prinzip in der Rabine-Methode:

wir arbeiten von außen nach innen.

Der Kiefer – nicht nur in der Artikulation

Da muss man einfach die Zähne zusammen beißen und durch.

Er sprach mit zusammen gepressten Zähnen.

Reiß dein Maul nicht so weit auf!

Diese Sätze zeigen einiges, wofür unser Kiefer alles zuständig ist. Er hat die Möglichkeit zu öffnen und zu schließen. Der Muskel, der für Schließung maßgeblich zuständig ist, ist übrigens im Verhältnis zu seiner Größe der stärkste Muskel, den wir im Körper haben.

Kieferschließung scheint also etwas ganz Wichtiges zu sein. Blöd, dass die Kieferöffnung etwas so Wichtiges für uns im Gesang ist. Denn wie wir an den obigen Sätzen sehen können, ist der Kiefer von jeher mit starken Gefühlen verbunden gewesen. Wenn wir extrem wütend sind, wenn wir etwas gar nicht wollen, dann machen wir ihn zu, wenn nötig mit Gewalt, damit bloß nichts nach außen dringt, was uns Schwierigkeiten machen könnte oder was wir nicht wollen.

Kieferschließung ist auch Teil des Verdrängungsmechanismus, den wir Menschen entwickelt haben und der uns in wirklich schweren Situationen schon so manches Mal den A… gerettet hat. Hoch lebe die Verdrängung, denn manches Gefühl, manches Erlebnis hätten wir ohne sie nicht überlebt!

Aber was passiert dann mit ihm, wenn wir auf einmal im Gesang öffnen wollen oder gar sollen? Was kommt uns da förmlich entgegen geschleudert? Wenn wir auf das hören, was seit Jahrhunderten der Volksmund sagt, dann bekommen wir es mit einer riesigen Portion von Wut zu tun. Seien wir also achtsam mit uns selbst und unseren Schüler:innen, was wir ihnen zumuten können und wollen. Denn Erfahrungen zu verarbeiten braucht Zeit, braucht manchmal professionelle Unterstützung.

So not “beware of the biest” but “beware of the mandibular biest” 😉

Lippen – Sinnlichkeit pur

Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da.

Sie sprach mit zusammen gepressten Lippen.

Jemandem etwas von den Lippen ablesen.

 

Die Lippen haben schon immer zu Musik angeregt. Denn so sinnlich können sie sein, schon wie sie aussehen. Sind sie voll? Wir haben das schöne Wort voll-mundig. Ich selber denke bei vollmundig immer an volle Lippen, nicht etwa an einen vollen Mund. Irgendwie rot und einladend. Und manchmal finde ich so schade, dass Männer sich nicht öfter die Lippen schminken. Sie zu betonen würde sicherlich auch ihnen gut stehen und sie mit ihrer Sinnlichkeit verbinden. Und ich fände das ziemlich sexy 😉

Aus der Körperpsychotherapie wissen wir, dass volle Lippen etwas sind, was mit Bedürfnissen zu tun hat. Vielleicht stellen sie auch deshalb bei manchen Menschen eine solche Herausforderung zum Küssen dar.

Manchmal wenn wir im Gesangsunterricht mit Lippenrundung arbeiten, sagen wir gern: stell dir einen weichen Kussmund vor.

Die Zunge – Artikulation at her best

Die Zunge ist ein unglaublich vielschichtiges Organ. Sie hat so viele Möglichkeiten, sich zu bewegen und zu spüren. Wir schmecken mit ihr, ob etwas lecker oder vielleicht giftig ist. Sie vereint unglaublich viele neurologische Verbindungen in sich, so dass Teile von ihr sehr bewusst wahrnehmbar sind und andere eher im Dunkeln des unbewussten Teils im Gehirn verschwinden.

Und sie ist viel größer als wir sie fühlen, denn die Zungenwurzel geht sehr weit nach hinten und unten. Sie ist ein Schutzorgan gegen hinein kommende Partikel, die nicht in die Lunge gelangen sollen.

Und manchmal macht die Zunge Probleme – warum nur?

Vom Gesang aus betrachtet ist sie der vordere Teil unseres Resonanzraums. Das machen wir uns so oft gar nicht klar, wenn wir über Raum beim Singen oder Sprechen nachdenken. Mein Lehrer Eugen Rabine bot einmal ein Seminar an mit dem schönen Titel: Prügelknabe Zunge. Ja, das ist sie im Gesang häufig genug. Wie oft höre ich von meinen Schüler:innen: ach, ich habe solche Probleme mit der Zunge. Wenn meine Zunge nur nicht wäre.

Das kann man sich gut vorstellen, wenn man sich näher mit ihr beschäftigt. Denn wenn man sich klar macht, dass sie ähnlich wie der Kiefer zu unserem Schutz da ist, dann ist natürlich das erste, was sie tut schützen und nicht Raum öffnen, damit wir hübsch fein singen können. Also auch hier brauchen wir Zeit und vor allem ein Gefühl von Sicherheit, damit sie sich im Sinne des Singens so bewegt, dass Öffnung möglich wird.

Aber am allermeisten denke ich persönlich an sie, dass sie ähnlich wie die Lippen ein sehr sinnliches Organ ist. So viele Sinne sind in ihr vereint und sie ist in der Lage, unglaublich fein und differenziert zu reagieren. Wenn wir nur daran denken, wie viele so unglaublich unterschiedliche Sprachen auf der ganzen Welt gesprochen werden können und wie sie all diese Laute und Klänge bilden kann, das grenzt schon an ein Wunder.

Artikulation Kiefer Lippen Zunge Gefühle

Und zum Schluss fällt mir noch etwas auf, wenn ich beim Thema Sprachen bin. Ich lerne gerade Spanisch und meine Artikulation ist so anders, wenn ich spanisch spreche. Der Mund ist breiter, die Zunge ist an ganz anderer Stelle platziert und auch die Lippen fühlen sich anders an. Und als Ergebnis davon kommt natürlich ein anderer Klang heraus. Die Art der Artikulation hat also auch etwas mit Muttersprache zu tun, Gewohnheit, was wir unser Leben lang gesprochen haben und was wir viel hören.

Auch daran können wir ab und zu denken, wenn wir singen und Gesang unterrichten. Wir können also sagen, dass wir diese vielen, vielen Ingredienzien haben, die unsere Artikulation beeinflussen. Differenzierbarkeit der Bewegung  und zu all dem als Würze noch die vielen Gefühle, die auch noch mit angesprochen werden können. Was für ein köstliches und abwechslungsreiches Mahl, was uns erwartet, wenn wir uns mit Artikulation beschäftigen.

Artikulation Kiefer Lippen Zunge ein abwechslungsreiches Mahl

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