Dieser Artikel ist beim Blogparadenaufruf von Silke Geissen entstanden. Und als erstes ist mir die Stimme eingefallen, danach alles Mögliche, was ich zu Hause so MUSSTE.
All die ganzen Sachen aus meiner Kindheit kamen hoch, die bis heute anzudauern scheinen. Ich bin Jahrgang 1962 und mit vielem aufgewachsen, was man alles musste, sollte und nicht durfte.
Und ich finde dazu noch vor allem immer wieder Dinge, die sich auf die Stimme beziehen. Doch fangen wir mal mit zu Hause an.
Das MÜSSEN zu Hause
Schon allein den Titel zu schreiben fällt mir schwer, denn das Wort war sowas von nicht gern gehört in meiner Familie. Eigentlich MUSS ich sagen, von meiner Mutter.
Und doch habe ich es in meinem Leben oft verwendet. Genau deshalb, weil ich nicht sollte, schien es als MÜSSTE ich es tun.
Und oft hatte ich hinterher dies Gefühl: Hilkea, du bist wieder unmöglich. Was werden die Leute von dir denken? Das habe ich gut internalisiert. Und damit auch das MÜSSEN.
Denn natürlich MUSSTE ich höflich sein als Kind, auch wenn ich nicht wollte. Natürlich MUSSTE ich eine Bluse anziehen, wenn es zur Oma ging. Auch wenn ich mich schlimmer als verkleidet damit fühlte.
Von der Schule will ich gar nicht anfangen, was ich da alles MUSSTE, was ich nicht wollte. Aber um Gerechtigkeit walten zu lassen, manches, was ich da MUSSTE kam mir später sehr zugute und ich bin froh, dass ich damals MUSSTE.
Die Stimme und das MÜSSEN
Aber ich finde vor allem immer wieder Dinge, die sich auf die Stimme beziehen.
Die Stimme muss ein Vibrato haben – die Stimme darf kein Vibrato haben, je nachdem, wen wir fragen und in welchem Genre wir singen.
Die Stimme muss klar sein. Nein, die Stimme muss Ecken und Kanten haben.
Dieser Song muss gebeltet werden.
Hier muss aber Kopfstimme gesungen werden.
Ein Sopran muss bis zum Hohen C kommen, sonst ist es kein echter Sopran.
Eine Stimme muss technisch einwandfrei sein, sonst wird sie irgendwann krank.
Ich als Sängerin muss mich ständig präsentieren. Gehe ich zu einer Premiere muss ich auf eine bestimmte Weise angezogen sein, geschminkt sein, es könnte ja jemand dort sein, der mich engagieren würde.
Die Frau und ihr MÜSSEN
Als Frau muss ich weiblich aussehen, muss hübsch sein, muss schlank sein.
Als Frau muss ich Kurven haben, aber bitte an den richtigen Stellen.
Als Frau muss ich freundlich sein, sonst bin ich eine Zicke oder arrogant oder Schlimmeres.
Als Frau muss ich sexy sein, aber nicht zu sehr, denn sonst bin ich selbst schuld, wenn mir etwas passiert.
Du glaubst, das ist heute nicht mehr so? Wir haben doch den Feminismus, alles hat sich geändert? Träume gern weiter.
Die Gesundheit und das MÜSSEN
Du musst Sport machen.
Du musst Muskelaufbau machen, spätestens ab 45 Jahren, denn wir verlieren 1% Muskelmasse pro Jahr. Was soll sonst aus dir im Alter werden?
Du musst dich gesund ernähren, du musst die richtigen Sachen essen, sonst … Blutdruck, Herz, Colesterin, Lungen, Gelenke, Arthrose, Alzheimer, Demenz, Krebs …..
60 ist das neue 40, aber es geht nur, wenn du täglich auf deine Gesundheit achtest. Das musst du dir schon wert sein.
Highlight wenn es um die ganzen Schönheits-OP’s heute geht: Sie wissen schon, dass Sie nicht so aussehen müssen, oder?
Hilft uns das MÜSSEN wirklich weiter?
Und ist dies ganze MÜSSEN wirklich hilfreich für unser Leben.
Ich glaube nein, auch wenn ich weiß, dass manches davon hilfreich wäre. Die Frage ist doch aber, mit welchem Bewusstsein sind wir unser Leben lang unterwegs. Fühlen wir uns frei in unseren Entscheidungen, machen wir Dinge, weil sie uns Spaß machen, weil wir einsehen, dass wir gern auf uns achten möchten?
Gerade was die Stimme angeht, rede ich sehr viel von Erlaubnis. Wenn wir die Stimme anschauen kommen wir mit Müssen nicht weiter. Wir können kein Vibrato erzwingen. Es erscheint, wenn wir in eine bestimmte Balance mit der Stimme kommen.
Wir können keine Öffnung im Vokaltrakt erzwingen. Hat die Aufforderung: nun sei doch mal locker! jemals funktioniert? Öffnung entsteht, wenn wir uns sicher fühlen, wenn wir uns wohl fühlen.
Und wohl fühlen kann sowohl beim Sport, wenn wir so richtig schwitzen entstehen als auch auf der Couch. Alles zu seiner Zeit. Wenn wir unserem Körper mehr zuhören als der Gesellschaft, werden wir herausfinden, was er möchte, damit wir uns gut, sicher, ausgeglichen fühlen.
Und er darf sich auch mal nicht gut anfühlen. Auch unsere Stimme darf sich manchmal nicht gut fühlen. Manchmal geht es nicht so. Dann schauen wir unseren Ist-Zustand liebevoll und verständnisvoll an und gehen damit um.
Wissen statt Müssen
Dazu braucht es Wissen und nicht Müssen. Dazu braucht es Zuwendung und nicht Zwang. Dazu braucht es die Möglichkeit, sich selbst zu spüren und wahrzunehmen. Das ist etwas, was man lernen kann. Und wohlgemerkt, das MUSS man nicht lernen, es darf erscheinen, wenn wir es erlauben und möchten.
Wir haben irgendwann angefangen zu singen, weil es uns Spaß machte, uns über unsere Stimme auszudrücken. Aber wer seit Jahren auf der Bühne steht, hat es so oft längst vergessen. Können wir dahin zurückkehren? Was wollen wir? Nicht, was müssen wir?
Wir haben angefangen, uns zu bewegen als Kinder, weil wir Lust dazu hatten, weil wir dem Bewegungsdrang nicht widerstehen konnten, weil Bewegung pure Freude und Lebenslust war. Was für Bewegungen bringen uns heute Freude? Sind es wirklich das Hanteltraining im Fitness Studio? Oder wollen wir viel lieber in einem See schwimmen oder tanzen? Was bringt dein Bewegungs-Herz zum hüpfen?
Was für mich wichtig ist
Ich habe mich viele Jahre zu Dingen gezwungen. Gleichzeitig habe ich immer wieder die Dinge gemacht, die mir wichtig sind. Gegen Widerstände von außen, manchmal auch gegen eigene Widerstände. Herausgekommen ist eine sehr besondere Frau mit ganz eigenen Ecken und Kanten, die heute glücklicher ist als jemals zuvor. Das viele Müssen muss uns also nicht brechen, oder uns unleidlich machen, oder uns jammern machen. Und gleichzeitig braucht es dafür Achtsamkeit, mit sich selbst, mit anderen, mit Sprache. Können wir vom Müssen zum Wollen wechseln, ohne dass wir vom Müssen zum Wollen wechseln müssen?
Können wir unserer Stimme mehr Erlaubnis geben, statt von ihr zu verlangen, dass sie funktionieren MUSS?
Du möchtest mehr über mich und meine Arbeit mit der Stimme erfahren? Dann schau gern auf meine offizielle Webseite Hilkea Knies.
Du möchtest weiter Privates über mich lesen oder über den Prozess meines Schreibens? Dann bleibe gern noch etwas hier und schnuppere umher. Denn ich verstehe mich auch als Autorin.
Liebe Hilkea,
vielen Dank für diesen wunderschönen und warmherzigen, ehrlichen und klaren Beitrag zu meiner Blogparade. Ich liebe es, wie du schreibst, der Körper darf sich auch mal nicht gut anfühlen, die Stimme darf mal nicht so präsent sein. Und ich sehe die kleine Hilkea missmutig in ihrem Blüschen zur Oma gehen, hach! Ich hatte damals ein Bleyle-Kostüm in dunkelblau, und bevor wir losfahren konnten, waren meine blütenweißen Kniestrümpfe schon blutig, weil ich wegen meiner X-Beine immer hinfiel. Stillstehen und warten war halt keine Option, bei dir bestimmt auch nicht?
Schön, dass du dich so vielem widersetzt hast und geworden bist, wie und wer du heute bist. Und dass du diese unkonventionelle, schöne Schreibe hast. Ich freue mich.
Liebe Grüße
Silke
Ja, was wir alles so mussten, nicht wahr?
Liebe Hilkea,
du schreibst mir aus der Seele!
Vor vielen Jahren bin ich über das Zitat gestolpert „Das göttliche Prinzip kennt keinen Zwang.“ Seitdem ist das mein Leitspruch. Es gibt Sachen, die lassen sich nicht zwingen. Wasser ist so ein Ding, es fließt dahin, wohin es die Natur lenkt. So wie Singen.
Danke für deine schönen Gedanken,
Gabi
Liebe Hilkea,
ja, das Wörtchen „muss“ kann ersatzlos gestrichen werden und in ein „darf“ eingetauscht werden. Ich bin 62er Jahrgang und kenn das zu genüge. Inzwischen versuche ich immer mehr, mich davon zu lösen und genieße eine neu gewonnene Freiheit dadurch. Ich darf unbequem, laut und direkt sein, ebenso herzlich, humorvoll und freundlich. Alles darf, nichts muss.
Liebe Grüße, Birgit