Mein Leben zu viert – Arnold Steinhardt

Arnold Steinhardt Mein Leben zu viert Buch

Mein Leben zu viert…

Arnold Steinhardt Mein Leben zu viert Buch
Arnold Steinhardt: Mein Leben zu viert. 1998, München, Knaus Verlag

…was für ein Titel. Im Buch “Mein Leben zu viert” von Arnold Steinhardt geht es um das Guarneri Quartett, ein Streichquartett aus den USA. Die Buchempfehlung kam von einem Gesangsschüler von mir, mit dem ich über Chormusik sprach. Viele Jahre habe ich selber auch Chöre geleitet, obwohl ich nie eine Ausbildung als Chorleiterin gemacht habe. Das wirkliche zusammen Singen, zusammen Klingen ist mir in meinen Chören und auch in meinem kleinen Ensemble, was ich leite immer besonders wichtig gewesen. Und unter diesem Aspekt sprach mich der Untertitel des Buches “Von der Kunst, aufeinander zu hören” sehr an.

Ich gestehe feierlich: ich mochte Streichquartette nie.

Und das Buch handelt von einem Streichquartett. Einem sehr berühmten wie mir scheint, was mir aber so überhaupt nichts sagte.

Das Guarneri Quartett

Das Guarneri Quartett benannte sich nach einem berühmten Instrumentenbauer, von dem der Cellist sein Instrument hatte. Auch dieser Name sagte mir rein gar nichts. Ich kenne nur Stradivari. Das ist wahrscheinlich so wie mit Maria Callas. Man muss kein Opernkenner sein, nicht einmal Oper mögen, kann noch nie in seinem Leben in der Oper gewesen sein und nicht einen einzigen Opernkomponisten kennen, aber Maria Callas kennt man. Das war doch die mit dem Onassis oder so. Halt eine echte Diva. Stradivari ist besonders teuer und irgendwie bekannt.

Im übrigen spielte keiner der vier berühmten Streicher des Quartetts eine Stradivari. Und am Ende gab es auch kein Instrument von Guarneri mehr.

Beim der Suche nach einem passenden Link für das Quartett fiel mir auf, wie wenig es im Netz dazu gibt. Also natürlich kommt vieles zum Stichwort “Guarneri Quartet”, denn Hallo??? die Jungs waren schließlich berühmt. Aber ich mutmaße, wenn ich Rolling Stones eingebe, kann ich viel mehr über die Band lesen, als über dieses Quartett.

Doch dafür habe ich eine schöne Rezension über dies Buch gefunden. Also eine richtige Rezension 😉. Nicht eine, wo die Schreiberin ständig zu sich selber abschweift.

Ich empfehle euch einfach: lest beides !

Erste Eindrücke vom Buch

Mich faszinierte von Beginn an die ganz eigene Art, in der Arnold Steinhardt schreibt. Er wird persönlich und doch nie privat. Auch im online Business, auf Social media lerne ich mehr und mehr, wie man das trennt und wie wichtig das ist. Das ist ihm unglaublich gut gelungen.

Faszinierend dem Leben von vier anscheinend sehr unterschiedlichen Menschen in der Musik zuzuhören. Von den Tricks zu lesen, wie sie es hinbekamen, dass sie sich nicht über die Musik zerstritten. Denn Musik zu machen ist etwas unglaublich Persönliches. Die Einstellung, wie man ein Stück musizieren möchte ist so variabel, dass es an ein Wunder grenzt, wenn vier Musiker beschließen demokratisch Musik zu machen.

Ich habe übrigens auch gelernt, dass es in vielen Fällen so ist, dass der 1. Geiger mehr oder weniger bestimmt, wohin die Musik geht. Nicht so bei den Guarneris.

Heute morgen las ich dann, dass sie 2008 ihre letzte Tournee gespielt haben. Nach 45 Jahren gemeinsamen Musizierens. Was für eine lange Zeit. Und die Vorgehensweise, Stücke auszusuchen und zu musizieren hat sich in all der Zeit nicht geändert. Eine Art von Demokratie, die mich sehr beeindruckt, denn sie zeigt mir, dass es möglich ist, das Individuum zu sein, was nun einmal jeder von uns ist und doch im Dienst der Sache zu entscheiden.

Eine Eigenschaft, die in der politischen Landschaft der Demokratie für mein Empfinden viel zu wenig Platz hat und von nur wenigen verstanden wird. Das Guarneri Quartett steht damit für mich auch für musikalisch gelebte Demokratie.

Und insgesamt sind diese vielen Jahre eine beeindruckende Leistung. Denn wie der Titel schon sagt, haben sie ihr Leben miteinander verbracht. Teils sahen sie sich untereinander mehr als sie ihre Familien zu Gesicht bekamen.

Wie nähert man sich zu viert einem Musikstück?

Was mich an dem Buch so beeindruckt hat, sind die Schilderungen, wie sie sich den Stücken genähert haben. Diese Mischung aus unglaublichem Wissen über die klassische Musik, über die einzelnen Komponisten, von denen sie Werke aufgeführt haben. Und das Schreiben darüber, wie sie miteinander gespielt haben.

Die liebevolle Schilderung eines jeden einzelnen von ihnen. Einblicke in die Art, wie sie miteinander geprobt haben ist für jede:n Ensemble-Musiker:in ein interessanter Prozess. Miteinander versucht man, diese alte Musik zu ganz neuem Leben zu erwecken. Die akribische Technik, das viele Üben, all die unzähligen Stunden, die Musiker:innen damit zubringen. Und all das im Dienst einer Musik, die immer weniger Stellenwert in unserem modernen Leben zu erhalten scheint.

Und dann auch noch ein Streichquartett. Eine wirklich elitär erscheinende Musik, die nicht die großen Konzertsäle füllt, sondern die immer schon etwas für Kenner:innen gewesen ist. Nicht der opulente Klang eines Orchesters. Man könnte sagen: Musik auf den Punkt gebracht.

Vierstimmigkeit in der klassischen Musik

Es hat mich fasziniert, wie Steinhardt über die Vierstimmigkeit schreibt. Denn alle, die klassische Musik studiert haben, wissen um die ganzen Regeln und Gesetze, die das Schreiben von vierstimmiger Musik hat.

Mir selbst hat das in jungen Jahren unglaublich viel Spaß gemacht. Ich habe freiwillig noch bevor ich ins Studium ging vierstimmige Sätze geschrieben, einfach so, aus reinem Vergnügen. (übrigens etwas, was für angehende Opernsängerinnen komplett untypisch ist. Wir sind eigentlich für unsere guten Stimmen und unsere Lustlosigkeit in Bezug auf Tonsatz bekannt gewesen an den Hochschulen 😏)

Ich habe auch später als ich mich im Bereich der Popularmusik fortbildete immer gern Reharmonisierungen von alten Kirchenliedern geschrieben. Für Gitarre. Das war ein Spaß. So etwas habe ich auch immer wieder mit Vergnügen in meinen Chören gesungen. Für sie schrieb ich auch des öfteren eigene Sätze, so wie es heute viele Chorleiter tun.

Der Tod und das Mädchen

Aber zurück zum Streichquartett. Sehr beeindruckt hat mich die letzte Passage des Buches, wo der Autor über das Schubert-Quartett “Der Tod und das Mädchen” schreibt. Dieses Stück kenne ich selber sehr gut. Nein, nicht das Streichquartett, sondern das Lied von Schubert. Ich habe es in jungen Jahren gesungen. In einer Zeit, wo ich es mir noch nicht richtig vorstellen konnte, was es mit dem Tod auf sich hat. Aber fasziniert hat mich diese Musik schon von Beginn an.

Und auch er schildert den Prozess, wie er die erste Aufnahme des Stückes empfunden hat und wie dann die zweite und vielleicht letzte Aufnahme und vor allem die vielleicht letzte Aufführung gewesen ist. Wie er Musik beschreibt ist unglaublich, ich meinte sie fast hören zu können.

Und ihr könnt sicher sein, sobald dieser Blog Artikel fertig ist, werde ich sie mir anhören.

Gedanken über das Alter

Besonders haben mich die feinen Gedanken über das Altern und den Tod berührt. Ich bin noch nicht in einem Alter, wo der Tod vor der Tür stehen muss. Aber doch alt genug, um immer mal wieder daran zu denken, dass ich den größten Teil meines Lebens hinter mir habe. Um zu bemerken, wie manche Dinge nicht mehr so einfach gehen. Ich werde den Hüftschwung beim Salsa und Bachata trotz allen Übens nicht mehr hinbekommen wie eine 20-30 jährige, auch wenn ich früher Turnerin, Balletttänzerin und Steptänzerin war. Das ist vorbei. Und es schmerzt – manchmal.

Oder doch eher Lebenserfahrung?

Und gleichzeitig beschreibt er etwas, was mit Lebenserfahrung zu tun hat. Etwas, was bei jungen Menschen so ganz anders ist. Sie sind noch nicht so lange dabei in diesem ewigen Zyklus von Freuden und Enttäuschungen. Das ewige Auf und Ab. Sie bringen Frische mit, Begeisterung für Neues, neue Gedanken und Gefühle. Und wir Älteren haben schon viel gesehen und unsere Musik, unser Tanz, unser Leben ist davon erfüllt. Die Stimme ist nicht mehr so elastisch, die Finger nicht mehr so flink, aber unser Leben klingt aus jedem Ton, wenn es so richtig rund läuft. Und das ist ein Wert. Ein Wert, der heutzutage, wo alles jung und frisch sein soll manchmal leider untergeht.

Aber in meiner Arbeit als Gesangspädagogin kann ich immer wieder spüren und bekomme auch die Rückmeldung, dass genau das eine große Qualität ist. Und ich liebe es, meine Erfahrungen weiter zu geben. Mein Wissen und ja auch meine Weisheit, wenn sie sich zeigt.

Wie viel Emotion, wie viel Eigenes wagen wir?

Die Geschichten, die er gegen Ende des Buches über das Musizieren schreibt, haben mich tief bewegt und auch zum Nachdenken gebracht. Er schreibt z.B. über eine Begebenheit, die ihm Pablo Casals erzählte, als er als junger Mann in einem Meisterkurs Bach spielte.

Als wir das Restaurant betraten, erkannte uns der Zigeuner und gab seinem Orchester ein Zeichen, um mit dem Spielen aufzuhören. Zu unseren Ehren spielte er an unserem Tisch dasselbe Bach-Adagio, was Sie gerade gespielt haben. Es war der feurigste, der freieste Bach, den ich je gehört habe. Auch der Beste. Dieser Zigeuner kannte nicht unsere Befürchtungen und Hemmungen, was oder was man nicht mit Bach machen dürfe. Er spielte unzensiert, aus vollem Herzen. Und das ist es, wozu ich Sie einladen möchte…

Ich und mein Gesang

Und ich war drin in meiner eigenen Welt. Wie gut ich das kenne. “Mozart singt man so”, “eine Wagner Stimme muss so klingen”, “Rossini muss viel schneller gesungen werden, das ist doch schließlich seine Art Emotion auszudrücken.” Und, und, und. Als junge Sängerin an der Hochschule hat es mich erschlagen. Immer war es nicht richtig, war ich nicht richtig. Ganz von meiner Technik abgesehen, die wirklich dürftig war in der Zeit, ist bei mir ein Gefühl geblieben, als habe mich niemand ermutigt, meine eigene Musik zu finden.  Und am allerwenigsten allerdings wohl ich selber.

Und damit endetet meine Opernsängerinnenkarriere noch bevor sie jemals richtig angefangen hatte. Durch meine eigenen, ständigen Urteile über mich, wie ich zu singen hätte, wie ich zu klingen hätte. Immer in Nachahmung von etwas, was nicht ich war. Erst mit dem Singen von deutschem Kabarett-Chanson befreite ich mich aus diesem Korsett, wie ich zu klingen habe und machte komplett frei meine Musik, suchte meine eigene Interpretation. Und hatte endlich auch Erfolg.

Es bedingt sich anscheinend, egal in welche Musikrichtung wir schauen. Erfolg stellt sich ein, wenn man etwas kann und sich selber wirklich ausdrückt. Sich in der Musik zu erkennen gibt, sich dem Publikum und sich selber zeigt.

Musik, damals und heute

Und aus den Schilderungen von Steinhardt scheinen sich auch die vier Jungs intensiv damit auseinander gesetzt zu haben, die wunderbare Musik, diese großartigen Kompositionen zu neuem Leben zu erwecken. Und es ist ihnen anscheinend super gut gelungen, denn sie waren über viele Jahre überaus erfolgreich. Fast bin ich traurig, dass ich nicht früher von ihnen erfahren habe, denn nach diesem Buch wäre ich sofort in das nächste Konzert gegangen, was angekündigt worden wäre.

Und Steinhardt denkt darüber nach, ob die klassischen Musiker damals mit mehr Persönlichkeit, mit mehr Emotion ihre Musik gespielt haben, einfach unverwechselbarer klangen. Ich habe ihm innerlich zugestimmt. Denn wenn ich beispielsweise in den Musical Bereich schaue, werden dort häufig Stimmen gesucht, die sich so ähnlich sind, die durch bestimmte Techniken nicht mehr unverwechselbar klingen (sollen), damit sie austauschbar sind. Es soll keine A- und B-Besetzung mehr hörbar sein. Die Menschen sollen das Musical sehen wollen und nicht Frau oder Herrn Sowieso.

War früher wirklich alles besser?

Und das finde ich schade. Er schreibt über die Geiger heutzutage, dass er sie nicht mehr so unverkennbar findet, wie die großen Geiger seiner Jugend. Ob das stimmt? Ich kann es mir gut vorstellen. Aber gleichzeitig neigen wir Älteren ja auch dazu, viele Dinge früher besser, vor allem intensiver gefunden zu haben. Weil wir einfach jung waren, weil die Dinge neu waren, weil wir unglaublich beeindruckbar waren und sich die Eindrücke so in uns festgesetzt haben, uns so geprägt haben.

Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Auch wenn mir das oft der langweiligste Ort erscheint.

Die Geige und ich

Und ich werde mit meinem Kollegen Thomas sprechen. Er ist im Erstberuf Geiger und mir fällt auf, dass wir fast nie über Geige, über Geigenmusik sprechen. Es geht – begreiflicherweise – immer um Gesang und Stimme. Ich bin neugierig geworden, mehr über Streichinstrumente zu erfahren. Denn oft wird doch gesagt, dass jemand mit seiner Geige singt.

Dazu fällt mir noch eine kleine Anekdote ein. Als ich als Kind nach den üblichen Jahren Blockflöte dann ein “richtiges” Instrument spielen lernen sollte, schlug meine Flötenlehrerin die Geige vor. Ich sei sehr musikalisch, sehr begabt. Aber an der Stelle fand meine Mutter die Idee, da könnte eine ihrer Töchter den ganzen Tag auf der Geige herum kratzen dann doch zu anstrengend und brachte mich sanft auf die Idee, dass doch die Gitarre ein so schönes Instrument wäre und so vielseitig.

Damit hatte sie eindeutig Recht und mein Leben ohne die Gitarre wäre komplett anders verlaufen. Aber wer weiß, wo ich mit der Geige heraus gekommen wäre? Hätte ich auch irgendwann Gesang studiert? Welche Musik hätte ich gehört und gemacht? Welche Vorbilder hätte ich gehabt? Welche weiteren Fortbildungen hätte ich erlebt? Wie wäre ich als Mensch geworden?

Unsere Entscheidungen bestimmen unser Leben

Je mehr Fragen ich mir dazu stelle, desto klarer wird mir, dass unsere Entscheidungen unser Leben bis in die Grundfesten hinein bestimmen. Und egal, welche Entscheidung wir treffen, es geht immer in die richtige Richtung. Das Leben lebt sich selber und wir sind mittendrin.

Sagte oder schrieb ich schon, dass ich Musik liebe, dass ich das Leben liebe, dass ich es liebe, mich auszudrücken?

Und genau diesen lebendigen Ausdruck von Leben, Musik und miteinander musizieren nehme ich aus diesem Buch mit. Es hat mir eine Musik nahe gebracht, die mein Leben nie tangiert hat, die aber alles ausdrückt, was mein Leben bisher ausgemacht hat.

Danke, Arnold Steinhardt für diese Einblicke 🙏

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