7 von 10 – Über das Scheitern und den Perfektionismus

Hilkea Knies

Weißt du, wie wunderbar der Anfang von Corona für mich war?

Ja, das klingt irgendwie schrecklich oder völlig surrealistisch, kann sein.

Aber die erste Reaktion, als ich hörte, dass ich als Sängerin und Workshopleiterin nicht mehr arbeiten dürfe, war grenzenlose Erleichterung.

Ich musste auf einmal nicht mehr entscheiden, was ich nicht mehr machen konnte und wollte, Prioritäten setzen. Ich musste nicht darum kämpfen, wann ich Freizeit habe, ob ich überhaupt Freizeit habe, ob ich mir Freizeit leisten kann.

Denn alle Selbstständigen kennen den blöden Spruch: ich arbeite selbst und ständig. Hahaha, er ist leider viel zu oft wahr. Und bei mir ist er das.

April 2020 Corona

Und so hatte ich eine Zeit, an die ich heute mit ein klein wenig Wehmut zurückdenke. Der April war ein toller Monat mit viel Sonne. Jeden Tag lag ich für mindestens zwei Stunden nackt am Kiesteich und machte – NICHTS.

Ich besuchte einen online Kurs bei Maria Busque und hatte unendlich Zeit alles in Ruhe nachzuarbeiten, alles zu durchfühlen und zu durchdenken.

Ich hatte zwei!! Session pro Woche bei meinem Lieblingstherapeuten, der sonst auf Monate hinaus ausgebucht war und für Trainings um die ganze Welt flog. Wie oft hatte ich Notsitzungen bei ihm aus Holland, Polen oder Österreich gehabt und jetzt das. Es war der Himmel auf Erden, denn ich hatte 4 Monate zuvor eine Trennung gehabt, die mir immer noch sehr zusetzte und die es aufzuarbeiten galt.

Manchmal kann es der Himmel auf Erden sein, wenn andere für einen entscheiden, was man tun darf und was nicht.

Aber wovor es mich vor allem bewahrte, war mein Drang ständig und überall dabei sein müssen. Denn was ich gut kenne ist die Angst, ich könnte etwas verpassen, etwas Wichtiges für mich als Mensch oder in meinem Business.

Mein Perfektionismus

Wenn mich eine Eigenschaft schon fast mein ganzes Leben lang verfolgte, dann war es der Perfektionismus.

In der Arbeit suchte ich mir immer die Besten in ihrem Bereich als Vorbilder. Und genauso gut wollte ich dann auch werden.

Da ich gleichzeitig aber auch Scannerin bin, jemand, die sich für unglaublich viele Dinge begeistern kann und sie auch machen möchte, wurde das zu einem unmöglichen und oft hochgradig frustrierenden Unterfangen.

In einem der Selbsterfahrungskurse sagte ich mal: Ich bin immer mit dabei, wenn es um die psycho-emotionale Selbstoptimierung geht. Denn ich wollte nicht nur beruflich die Beste sein – und das bitte in jedem Bereich, nein, ich wollte auch erleuchtet sein, die beste Bettgefährtin, eine Super-Mom, die beste Beziehung führen, die man sich denken kann usw.

Und für alles habe ich gearbeitet, habe Coachings genommen, Bücher in Massen gelesen und das Internet befragt.

Und immer blieb das Gefühl, nicht genug getan zu haben oder nicht genug entspannt zu sein.

Ja wie denn auch bitte schön???

Mein Heute

Erleuchtet bin ich bis heute nicht, auch wenn ich viel Zeit auf dem Benediktushof mit Sitzen in der Stille zugebracht habe. Es ist immer eine sehr gute Erfahrung gewesen, aber von der Erleuchtung bin ich sehr weit entfernt.

Zu Selbsterfahrungsseminaren gehe ich immer noch und ich habe loslassen können von der ständigen Selbstoptimierung. Das macht große Ruhe und Zufriedenheit.

Meine Ehe ist nach fast 20 Jahren zu Ende. Und natürlich habe ich es hinbekommen, dass wir noch das allerbeste Verhältnis miteinander haben, was man sich wünschen kann. (wer hier eine leichte Ironie hört, liegt goldrichtig) Doch Spaß beiseite, das ist mittlerweile in Ordnung für mich und war die richtige Entscheidung für uns beide.

Und ich merke, dass es ganz leicht schon wieder angekrochen kommt. Denn jetzt könnte ich mich selbst dafür fertig machen, dass ich zu viel gemacht habe in meinen fast 60 Jahren.

Denn das ist der Kern des Themas. Egal ob ich viel oder wenig gemacht habe, es konnte nur falsch sein.

Und gleichzeitig bin ich durch alles, was ich getan habe an dem Punkt, wo ich sowohl das Gute darin sehen kann als auch das Leid, was ich mir selbst damit angetan habe.

Rückblick

Und so blicke ich heute zurück und sehe, wie viele Kompetenzen ich mir in den Jahren angeeignet habe. Ich habe so viel über Gesangspädagogik, Anatomie, Physiologie und Neurologie gelernt, dass ich heute Kurse gebe, wo die Teilnehmer:innen wesentliche Dinge für sich mitnehmen. Ich kann Profis, die seit Jahren auf der Bühne stehen, helfen und es macht mir unglaublich viel Spaß.

Ich habe drei therapeutische Ausbildungen gemacht und auch das kommt meiner Arbeit sehr zugute, denn Stimme und Psyche sind so eng verknüpft, dass man die beiden nicht trennen kann und das Wissen ist unglaublich hilfreich. So werde ich von vielen Menschen innerhalb und außerhalb meiner Arbeit für mein So-Sein geschätzt.

Auslöser für den Artikel “Scheitern”

Auslöser für diesen Artikel über das Scheitern war die Blogdekade von Franzi Blickle. 10 Tage, 10 Blogartikel. Und ich habe “nur” 7 geschafft. Das hat an mir genagt.

Aber dann habe ich beschlossen, genau darüber meinen 8. Artikel zu schreiben. Ich habe ihn angelegt und heute erst zu Ende geschrieben. Das habe ich “ausgehalten”.

Und ich schaue mir die Rahmenbedingungen an, unter denen ich teilgenommen habe. Es ist ein wenig als wenn man einen Berg besteigt und ständig auf den Gipfel schaut und frustriert ist, dass er nicht näherzukommen scheint. Ein Blick nach unten auf den Weg, woher man gekommen ist, ist dabei oft hilfreich und heilsam und lässt einen mehr in Ruhe kommen.

Ich habe innerhalb der Blogdekade ein neues Format auf unserem Voice Experience Blog entwickelt, die TEQUILA TALKS.

Ich habe währenddessen meinen allerersten Launch komplett allein gemacht für den Nachfolge-Kurs der “Nervenstarken Stimme”.

Natürlich habe ich weiter meine Schüler:innen unterrichtet und bin jeden Tag Salsa und Kizomba tanzen gewesen, denn das brauche ich für meine psychische und körperliche Gesundheit als Ausgleich.

Also, liebe Hilkea, ich klopfe dir virtuell auf die Schulter, nehme dich in den Arm und sage dir: Du bist eine wunderbare Frau mit so vielen Fähigkeiten und liebenswerten Eigenschaften. Und du darfst einfach auch mal NICHTS tun.

Und du darfst obendrein diesen Artikel mit unter 1000 Worten beenden. Denn es ist gut und wunderbar, dass du dich damit zeigst.

2 Kommentare

  1. Wie spannend geschrieben! Ich kann das alles so gut nachvollziehen!
    Ich sehe mich, wenn ich dies hier lese! Deine Geschichte und deine Gefühle dazu!
    Ich glaube dies mit dem Perfektionismus in allen Dingen hat ausgedient!!
    Wissen darf verteilt werden und leicht darf es sein, das Leben.
    Liebe Grüße,
    Nora

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