Über das Aufgeben und die Traurigkeit

Himmel
(Dieser Himmel ist zwar im Allgäu gewesen, aber heute Morgen hatten diese beiden sehr große Ähnlichkeit)

Ein Morgen voller Tränen und Traurigkeit

Heute morgen schien sie unendlich zu sein, die Traurigkeit. Die Tränen wollten nicht versiegen. Alle Selbstzweifel, die ich schon mein ganzes Leben lang mit mir herum trage, waren zur Stelle, um sich zum Dienst zu melden. Die Energie, die ich gestern noch hatte, komplett verschwunden. Und die Gedanken kreisten darum, einfach aufzugeben.

Aufgeben zu arbeiten, denn all diese Internet Dinge wachsen mir über den Kopf und lassen mich immer wieder mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit zurück,

aufgeben zu tanzen, denn ich hatte einen sehr traurigen Korb bekommen,

aufgeben, mich überhaupt noch zu bewegen, denn wozu, wenn das Alter ohnehin über kurz oder lang jede Bemühung zunichte machen wird,

aufgeben zu schreiben, denn ohne Inspiration will es sowieso keiner lesen,

aufgeben, meine Inspiration zu suchen, aufgeben, meiner Sehnsucht zu folgen…

Meine Sehnsucht aufgeben?

… da sind so viele Sehnsüchte, die ich habe: nach Leben, nach Liebe geben und empfangen, Vibration des Lebens fühlen, diese ganzen Wellen, die manchmal einfach nur durch meinen Körper strömen und mich ganz plötzlich so glücklich machen. Es schäumt manchmal einfach nur über.

Ich wollte aufgeben zu träumen, zu wünschen, zu wollen, aufgeben mich auszudrücken, aufgeben mich zu zeigen, denn das bringt nur Verletzungen, aufgeben zu fühlen…

Einfach nur noch im Mauseloch bleiben. Denn es würde ohnehin niemandem auffallen, keiner würde mich vermissen.

Maus im Mauseloch

 

Diese Zeit bringt wirklich so vieles in mir auf einmal nach außen. Die Haut wird dünner, die Seele durchlässiger.

Begegnung mit meinem Wollen

Gestern, für mich noch mitten in der Nacht nahm ich an einem Kurs von Olivia Bryant teil. Der Kurs trägt den wunderbaren Titel “Initiation”. Wir hatten einen Gast, Robyn Dalzen im Kurs. Sie ist Co-founder des Wheel of consent, in dem es um verschiedene Arten von körperlicher Berührung geht. Wir machten Übungen, in denen es um unsere Wünsche ging. Und wir probierten zwei Arten von Übungen aus. Die erste war das Wanting-game. Sie machte eine Demo und ließ die andere Frau immer wieder aussprechen: I want… (Ich möchte oder vielleicht sogar Ich will …) Und alles aussprechen, was kommt, ohne zu zensieren oder zu überlegen, ob das ein unmöglicher Wunsch ist. Die Antwort darauf war jedes Mal gleich: “it’s good to want.”

Und wir als Zuhörerinnen sollten spüren, was in uns hoch kommt, wenn wir dabei sind.

Es kam viel hoch in mir. Ich weinte und weinte. Denn so viele Wünsche, die ausgesprochen wurden, waren auch meine. So viele unerfüllte Wünsche, so viel Sehnsucht nach Kontakt, nach Leben, nach Liebe, nach Verbundenheit, nach sinnlicher Begegnung, nach sexueller Erfülltheit. Alles Themen, die ich so gut kenne.

Und je länger es dauerte, desto mehr Ruhe und Tiefe machte sich in mir breit. Denn neben all den Wünschen hörte ich immer wieder den einen Satz: It’s good to want.

Wünsche zu haben ist so gut

Ja, es ist gut, Wünsche zu haben, etwas aus ganzem Herzen, mit aller Leidenschaft zu wollen, zarte Wünsche zu haben, heftige Wünsche zu haben, die einen fast verzehren. Alle Arten von Wünschen dürfen sein, dürfen auch ausgesprochen, vielleicht nieder geschrieben werden. Denn sie sind in uns, zu irgendeiner Zeit und es ist nichts Schlechtes daran, Wünsche zu haben. Sie sind der erste Schritt, dass wir wissen, was wir im Leben möchten, was wir tun möchten, wo unsere Grenzen sind, wo unsere Herausforderungen sind, wohin uns die Sehnsucht tragen möchte, was die besonderen Fähigkeiten sind, die wir mitbringen. Alles das wird so viel klarer, wenn wir uns nicht nur verschämt eingestehen, was wir uns vielleicht alles wünschen, sondern wenn wir dazu stehen und es auch aussprechen.

Und was für ein Geschenk, wenn auf der anderen Seite jemand steht, der sagt: it’s good to want. Es ist gut, zu wollen. Es bedeutet nicht, dass ich alles bekomme, was ich möchte, sondern es bedeutet: ich habe dich gehört und es ist gut, sich etwas zu wünschen, es zu sagen, dazu zu stehen, die vielen Wünsche zu fühlen.

Nichts mehr wollen? Doch! Musik

Und heute morgen wollte ich nicht. Wollte nichts mehr. Außer einfach nur aufgeben. Aber als ich mich doch noch ins Fitness Center geschleppt habe, bemerkte ich: doch ich will noch etwas – nämlich Musik hören.

Musik ist etwas, was uns spiegeln kann oder was uns eine andere Energie geben kann als die, die wir gerade haben. Ich habe nach beidem gesucht. Zuerst wollte ich etwas, was meine Stimmung am besten spiegelt. Ich liebe Kizomba tanzen, die Musik kann manchmal einfach so schön, romantisch oder kitschig sein. Ich habe mein momentanes Lieblingsstück angemacht und habe mich auf meinem Laufband dazu bewegt.

Auf dem Laufband laufe ich nie einfach nur so, wie man halt so läuft. Ich tanze Salsa auf dem Laufband, ich übe Spiraldynamik auf dem Laufband, ich boxe mit den Händen oder ich dehne mich sehnsuchtsvoll, was immer gerade meine Stimmung spiegelt.

Und jetzt Musik mit gaaaanz vielen Bässen

Und dann brauchte ich irgendwann Energie. Die bekomme ich am besten, wenn ich Musik mit ganz viel Bässen höre. Sie bewegt und durchpulst meinen Bauch, alle Kräfte, die sagen: “jetzt erst recht” und “Dich kriegt man nicht so schnell klein” und “hey, du bist ein wunderbares lebendiges Wesen und das Leben ist so schön”, all diese Kräfte zeigen sich. Ich habe vier Minuten auf dem Cross Trainer geweint, gelacht, gebebt und hatte so viel Energie am Ende. Glücklich war ich trotzdem nicht, aber ich lebte wieder. Das Aufgeben war weit, weit in den Hintergrund getreten. Es war nur noch diese lebendige Traurigkeit da. Ein Gefühl, einfach nur ein Gefühl.

Es wurde auch vom Text der Musik wiedergespiegelt, den ich das erste Mal überhaupt erst bewusst wahrnahm.

You don’t have to be like everybody else
You don’t have to fit into the norm
You are not here to conform
I am here to take a look inside myself
Recognize that I could be the eye, the eye of the storm”

(Marina: Ancient dreams in a modern land)

Gefühle auf Facebook zeigen

Und dann wagte ich es, meiner Traurigkeit auch auf Facebook Ausdruck zu verleihen. Angeblich hat man ja keine wirklichen Freunde auf Facebook. Aber innerhalb von wenigen Minuten hatte ich Kommentare. So liebevoll, so mitfühlend. So viele, die es kannten, die mir virtuelle Umarmungen schickten. Und ich konnte spüren, wie neue Kraft kam.

Auf einmal wollte ich wieder schreiben, genau darüber, was das alles mit mir macht. Als ich in das Thema hinein spürte, da stieg die Hoffnung wieder auf, nicht wie eine Sonne, eher wie ein Mond. In einer noch dunklen Stimmung kam ein wenig geheimnisvolles, mystisches Licht. Meine Brust wurde freier, ich konnte wieder atmen, ein Schimmer von Inspiration zeigte sich. Die Geister, die vorher fest geschlafen hatten wurden ganz langsam wach, diese Lebens- und Liebesgeister. Ja, es fühlte sich an wie ein Erwachen. Die Tränen flossen schon wieder. Diesmal vor Dankbarkeit, vor Verbundenheit. Energie ist schon ein Wunder. Gefühle scheinen in sich eine Energie zu bergen.

Irgendwie sind wir doch wichtig

Eine Rückmeldung, die im Laufe des Vormittags kam, berührte mich besonders stark. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, dass ich die Ausbildung zum SE Practitioner machte. Viele Jahre jedenfalls. Auch ich habe diese Frau in sehr lebendiger Erinnerung. Aber auf einmal so etwas zu lesen. Es war die gleiche Energie wie “it’s good to want”. Es ist nicht nur in Ordnung offen zu sein, seine Gefühle zu zeigen, da draußen gibt es Menschen, die genau das mit mir verbinden, für die es Bedeutung hat, dass wir da sind, dass wir die sind, die wir sind. Wir machen einen Unterschied in diesem großen unendlichen Universum. Wir können nicht einfach unbemerkt verschwinden.

Traurigkeit

 

Der Himmel

Und wieder dachte ich an mich heute Morgen im Fitness Center. Mit dieser Traurigkeit ging ich ins Schwimmbecken. Heute war ich allein. Die Wolkendecke war dicht, keine Sonne, die das Wasser blau spiegeln ließ. Ich schwamm trotzdem, Bahn um Bahn auf dem Rücken, schaute in den Himmel und ließ meinen Tränen freien Lauf. Sie mischten sich mit dem Wasser. Und meine Gedanken flossen einfach mit. Plötzlich riss die Wolkendecke auf. Die Sonne kam raus. Die Wolken wurden so schnell am Himmel herum gewirbelt, ein unglaubliches Schauspiel tat sich vor meinen Augen auf. Es war so blau, so leuchtend.

Himmel
(Dieser Himmel ist zwar im Allgäu gewesen, aber heute Morgen hatten die beiden sehr große Ähnlichkeit)

Ich fühlte mich auf einmal wieder gesegnet, gesehen. Mit all meiner Traurigkeit und der Ruhe, die gleichzeitig wieder zurück kam.

Die Tränen begleiteten mich den ganzen Tag, aber sie schienen nicht mehr so schwer und so nass. Sie liefen nach außen und führten mich gleichzeitig nach innen,  in die Weichheit, ins Spüren und die für mich wesentlichen Themen.

 

 

15 Kommentare

  1. Liebe Hilkea,
    so einen schönen, ehrlichen Artikel hast du geschrieben. In jeder Faser meines Herzens, konnte ich deine Worte fühlen. Schön, dass du es in Worte gefasst hast und geteilt hast. Von Herzen Danke.

    1. Ich bin gerade sehr glücklich, dass ich nicht nur ich mich mit Worten ausdrücken kann, sondern dass die auch ankommen. Danke für diese Erinnerung und Bestätigung. Ich fühle mich dadurch sehr verbunden. 🙏

  2. Oh Hilkea, du hast mich so im Herzen berührt mit deinen Worten. Danke, dass du dich so menschlich und mit ganz viel Gefühl zeigst. Halte durch, denn du, deine Berufung und deine Texte sind eine Bereicherung für uns alle-da bin ich ganz sicher. Solche Tage kenne ich auch, die erfüllt sind von Herzschmerz, Selbstzweifel und lauter Fragezeichen, ob das alles Sinn macht. Und ich sage dir, es macht Sinn: Weil du etwas tust, das dein Herz berührt…und irgendwann ist deine Stimme so laut, dass sie einfach jeder hören muss. Hilkea, halte durch…die Anfänge einer Selbständigkeit sind hart…aber es lohnt sich. Liebe Grüße Nicole

    1. Danke für den schönen Kommentar. Ich bin immer wieder überrascht, wie hilfreich das ist. Auch ohne persönliches Kennen, einfach so. Balsam für die Seele. Schon allein dafür lohnt sich das Schreiben so sehr. 🙏

  3. Liebe Hilkea, vielen Dank für diesen wunderschönen und wahren Text! Ja, es passt alles zusammen: Fachwissen und Gefühle, Tanzen und Weinen, Wünschen und Verzagen, Leben und Verzweifeln… Ich denke, das Leben hat uns alle diese Gefühle gegeben, damit wir sie fühlen. Und damit wir – wie Du – in der Lage sind, diese Gefühle mit anderen zu teilen und sie allein mit diesem Teilen zu trösten, aufzurichten, ihnen zu sagen, dass sie nicht allein sind.
    So, wie Du es auch nicht bist.

    Fühle Dich herzlich virtuell umarmt,

    Sabine

    P.S. Die Maus ist voll süß! 😉

    1. ja, liebe Sabine, danke dir für den schönen Kommentar. Und soll ich dir was sagen, die Maus habe ich danach gesucht, dass sie süß und weich sein soll. Und auch diese kleine Maus in mir ist eine Art Trost, weil sie mir einen Teil zeigt, den ich oft weg drücke, denn wer will schon ne Business-Maus? Aber die ist so liebenswert und möchte einfach auch mal zu ihrem Recht kommen. Es ist schön, diese community als Unterstützung zu haben mit euch Power-Bloggerinnen mit viel Gefühl. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Irgendwie ist Facebook doch zu etwas gut, weil man da so tolle Menschen kennenlernen kann.

  4. Liebe Hilkea,
    du hast mich mit deinen Worten so besonders berührt, weil ich alles, alles, fühle und kenne, was du schreibst, und weil ich gerade sehr fleißig bin, aber auch sehr allein im Außen. Weil mir so vieles fehlt, was ich gern hätte. Menschen, Berührung, Sinnlichkeit, Musik, Tanzen. Gestern hatte ich Angst zu kommentieren, weil ich mich gar nicht aus meinem Mäuschenloch traute. Um es ausnahmsweise kurz zu machen – ich finde Facebook mittlerweile auch gut, weil ich in den Communities unter anderem dich kennenlernen darf, was sonst nie passiert wäre.
    Wir rocken das!
    Liebe Grüße, Silke

    1. Liebe Silke, der Kommentar tut gut. Nicht dass ich es irgendjemandem wünsche, sich so zu fühlen. Aber wenn ich in diesem Mauseloch stecke denke ich viel zu oft, dass all die anderen Powerfrauen, die ich so kenne, es anders machen, es “besser” können. Und dann tut es so gut, gerade von denen Kommentare lesen zu dürfen, die mir sagen: ich kenn das, hab ich auch, gerade jetzt oder immer mal wieder. Dann weiß ich, dass ich nicht allein bin und schon das allein ist ein so gutes Gefühl.
      Und es ist wirklich toll, dich über FB kennen gelernt zu haben, Silke
      Und ja: wir rocken das, rocken passt in diesem Fall auch so ganz konkret wirklich gut 🙏🙋🏼‍♀️

  5. Liebe Hilkea, danke für Deine Offenheit. Dieser Blues, den Du beschreibst, hat mich lange Zeit begleitet, bis ich die Ursachen herausfand. Dann hatte der Spuk ein Ende und ist seitdem auch nie wieder in Erscheinung getreten. Wie schön, dass es Dir wieder ein wenig besser geht. Ich freue mich immer sehr über DeineImpulse. Du hast mein Augenmerk auf Monika gelenkt und nun habe ich bereits 33Tage mit ihrer Unterstützung an meinem Buch geschrieben. Danke auch dafür!

    1. Liebe Evelyn, danke für deinen Kommentar. Das klingt spannend: die Ursache herausfinden und dann hat der Spuk ein Ende. Ich kenne viele Ursachen und manche kommen von Zeit zu Zeit mal wieder, andere Ursachen sind manchmal Menschen, die auf meinen Knopf drücken. Und manchmal sind es die Hormone. All das zu wissen macht es in den Situationen nicht schöner, aber was ich mittlerweile weiß ist, dass es vorbei geht. So wie dieses Mal auch wieder.
      Und ich freu mich so, dass du über mich Monika gefunden hast, dies für mich so geniale, verrückte, professionelle Schreib-Huhn. Sie inspiriert mich einfach immer wieder
      bis bald im Kreis der Schreibenden, ich bin gespannt auf dein Buch 🙃

  6. Liebe Hilkea, danke für diesen Beitrag! Für mich war die Bestätigung „ „Es ist gut zu wollen“ ein ganz starker Impuls. „Es ist gut zu wollen“…. Ich wiederhole den Satz, seit ich ihn heute morgen gelesen habe in mir. Er kam am Anfang eher leise und undeutlich daher und jetzt gefällt er sich immer mehr in mir und breitet sich aus. Mit einer wohltuenden Selbstverständlichkeit. Er wartet auf seine Einsätze in mir.
    Der zweite Impuls war der Umgang mit deiner Traurigkeit und dem Hadern. Sie und dich so zu zeigen hat mir ganz viel Mut gemacht.
    Danke, danke liebe Hilkea.

    1. Das ist so schön zu lesen, dass auch du etwas mit diesem Thema des Wollens anfangen kannst. Ich freu mich, dass ich darüber geschrieben habe. Danke für die so schöne Rückmeldung, Johanna ❤️

  7. Liebe Hilkea, ich lese deine Worte und fühle dich, bin sehr berührt von deiner Ehrlichkeit dir gegenüber, dich so der Welt zu zu muten. Dich mit deiner Verletzlichkeit zu zeigen, deinem Ringen und dem, was daraus entsteht. Nähe. Mensch sein. Fühl dich umarmt, du bist nicht alleine, wir sind alle eins. Herzlich, Kattrin

  8. Dein Beitrag ist ganz, ganz GROß, Hilkea. Radikale (zugelassene) Verletzlichkeit – es öffnet so große Räume und Möglichkeiten und ist ein reines Zeugnis von Leben(digkeit). Ich bin berührt und sende ein virtuelles Umarmungsangebot.

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