Die innere Kritikerin und ich

Immer mal wieder sucht sie mich heim. Ja, sie kann eine echte Heimsuchung sein. Sie durchsucht mein Heim nach Dingen, die ich mal wieder nicht geschafft habe, nicht ordentlich, nicht gut genug gemacht habe. Oder sie sucht danach, ob es geschmackvoll ist oder gemütlich. Und natürlich findet sie immer etwas zu mäkeln.

Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass du schon einmal ein Heim gesehen hast, in dem es nichts aufzuräumen gäbe. In dem man nicht noch etwas optimieren könnte. Oder wenn es zu aufgeräumt, zu ordentlich ist, in dem man nicht zeigen könnte, dass hier auch gelebt wird, dass natürlich die Menschen, die hier wohnen Geschmack haben, authentisch sind. Und vor allem originell sollten sie auch noch sein …

Im Kontext meiner Selbsterfahrungsseminare habe ich einmal das Wort gesprägt: psycho-emotionale Selbstoptimierung. Das trifft es ganz gut, wenn ich so über mich nachdenke.

Und diese Selbstoptimierung kenne ich auf allen Gebieten, egal was ich beginne, sei es etwas in der Arbeit, sei es etwas in meiner Freizeit, sei es ein Hobby oder auch die Beziehung. Immer sollte es optimal, so gut wie möglich sein.

In der Arbeit sollte ich alle Fragen beantworten können, dabei unterhaltsam sein, tiefe Erkenntnisse hervorrufen, weise Abschlussworte in Vorträgen finden. Ich sollte jeden Tag an meinem Buch schreiben, mindestens einen Blog-Artikel die Woche, samt social media: story telling, story doing, seeding meines Buches, die Reichweite erhöhen durch persönliche posts auf Facebook, aber natürlich auch den richtigen content liefern, tolle Bilder auf Insta einstellen, reels machen, denn die laufen gerade super. Ach ja, Pinterest und LinkedIn warten noch auf mich. Der YouTube Kanal hat noch nicht genügend Beiträge und was ist eigentlich mit dem Podcast Kurs, der in der letzten Ecke des Computers vor sich hin modert?

Und damit noch kein Ende: In meiner Freizeit sollte ich etwas Außergewöhnliches machen, mich dabei optimal entspannen können, immer im Hier und Jetzt und niemals im Dann und Dort. Ein Hobby macht nur dann Spaß, wenn ich auch da gut, besser, möglichst am besten bin. Man kann immer noch mehr tun, Unterricht nehmen, zu Hause üben, den Besten nacheifern.

Und von der Beziehung will ich gar nicht alles aufschreiben. Natürlich muss auch erst einmal der Partner optimal sein. Und dann geht es los: die Sexualität sollte natürlich erfüllend sein, heutzutage macht man Slow-Sex, alles andere zählt nicht als wirklich miteinander verbundene Sexualität. Und das ist noch nicht alles. Man sollte sich gut unterhalten können, tiefe Themen miteinander besprechen können, eine Seelenverbindung haben, auch wenn der Abwasch stinkt und die Wohnung ein Schlachtfeld ist, egal für Zwiegespräche muss immer Zeit sein, einen Tag, an dem man sich nur als Paar Zeit füreinander nimmt. Aber auch Hobbys und Interessen sollten in einer optimalen Partnerschaft übereinstimmen, etwas zusammen unternehmen – wenn man das nicht hat, wird die Beziehung auseinander gehen, denn was sollte man dann miteinander anfangen können, was können wir teilen, was ist unsere VISION?

Ohne Vision geht heutzutage gar nichts mehr. Weder die Arbeit – Stichwort: wo willst du mit deinem Unternehmen in 5 Jahren stehen? Die Beziehung – visualisiere dir den Mann, der dein Seelenpartner ist und mit dem dich alles verbindet, was du dir schon immer gewünscht hast und den du verdient hast …

Schon beim Schreiben all dieser Ansprüche wird mit schwindelig.

Und dann kommt auf einmal das Mitgefühl, für diese Partnerin, die ich da schon fast mein ganzes Leben an meiner Seite habe. Entspannung tritt in meinem ganzen Nervensystem ein, die Atmung verändert sich. Nur weil ich anfange, anders zu denken und zu schreiben. Wie gehe ich denn da mit ihr um, dieser Person, die ich immer so despektierlich meine innere Kritikerin nenne, sie damit beschimpfe, ins Abseits stellen möchte, sie mundtot machen will?

Ich fange an, sie genauer anzuschauen. Was möchte sie eigentlich von mir? Ich glaube, sie möchte mich vor allem beschützen. Sie möchte mir Hinweise geben, was ich machen könnte, damit ich zufriedener sein kann. Sie möchte mir Anregungen geben, sie möchte, dass ich Ziele erreiche, die mir wichtig sind. Und sie möchte auch meine Kreativität stärken. Sie wählt dazu meistens Mitteln, die, ich sage mal diplomatisch suboptimal sind, als dass ich ihr wirklich zuhören könnte. Und sie hört mir oft nicht zu, sie schaut manchmal nicht unter die Oberfläche, nicht ganz in die Tiefe, wie mir scheint.

Hey du, wollen wir uns mal bei einem Tee zusammen setzen und eine gemeinsame Strategie entwickeln? Um ehrlich zu sein, ich liebe nämlich Strategien, ich liebe gute Tools, die mich effektiver sein lassen, sie inspirieren mich, es inspiriert mich auch, wenn ich merke, dass ich gut bin, dass ich etwas gelernt habe.

Und soll ich dir noch was sagen: ich danke dir von Herzen, dass du mich bis zu diesem Zeitpunkt im Leben gebracht hast. Ohne dich wäre ich nicht hier, in diesen vielen inspirierenden Kursen, mit Menschen, die so wunderbare Hinweise und Übungen für mich haben, ohne dich hätte ich nicht den Tanz auf die Art und Weise entdeckt, wie er im Moment mein Leben bereichert. Ohne dich wäre mein beruflicher Werdegang komplett anders verlaufen und ich liebe es, so wie ich arbeite, welche Menschen und Möglichkeiten sich in meinem Leben aufgetan haben. Und ohne dich wäre ich nicht durch all die therapeutischen Prozesse gegangen, die mir die Augen für mich selbst mehr und mehr geöffnet haben.

Und ich finde, das ist ein guter Anfang, sich gegenseitig zu würdigen. Ich danke dir: für alles, was du mir ermöglicht hast, in deiner Unermüdlichkeit, in deiner Wachheit. Und ich kann dich hören, wie du mir dankst, dass ich dir immer wieder zuhöre und die Anregungen mit Kraft, Mut und Zielstrebigkeit umsetze, meine Kreativität, meine Gefühle mit hinein fließen lasse, denn du seist halt eher so die Mrs. Spock, die mit Gefühlen nicht so viel am Hut hat.

Und ganz am Rande, noch recht leise, höre ich dich murmeln, so etwas wie: “du kannst auch ruhig mal sagen, wenn ich die Klappe halten soll, ich weiß halt nicht so recht, wann es auch mal genug ist. Aber stell mich bitte nicht in die Ecke, schließ mich nicht in den dunklen Schrank. Da fühle ich mich nicht gesehen, da bekomme ich Angst und dann muss ich herum toben, bis du mich hörst, bis du mich erlöst.”

Das berührt mich sehr, diese Stimme zu hören. Danke, dass du das mit mir teilst. Ich glaube, im Grunde sind wir beide ein gutes Team. Lass es uns doch ab und zu mal mit einem Zwiegespräch versuchen. Jede hat 20 min. Zeit und darf alles aussprechen und die andere hört zu. Ich finde, das ist ein sehr guter Anfang.

4 Kommentare

  1. Ein ganz wunderbarer Artikel! Ich konnte das alles so gut nachfühlen. Eigentlich ist die Kritikerin so nervig und erbarmungslos. Daher ist Dein Ende sehr kreativ und ich finde es umso schöner, dass Du sie am Schluss trotzdem würdigst. Denn Du hast Recht, die innere Kritikerin will uns vor allem vorwärts bewegen, damit wir uns weiter entwickeln. Wir dürfen es nur nicht übertreiben 🙂.

  2. Liebe Hilkea, ein wunderbarer Beitrag, der mich sehr berührt. Frieden mit sich selbst schließen. Wie einfach und wie schwierig zugleich.

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